Flugversuche  | Attempts at Flight

© Maja Rohwetter, Simulation, 2026

Flugversuche
Jens Isensee, Maja Rohwetter, Marieke Verbiesen, Juliane Zelwies
Eröffnung: 5. Juni 2026, 19:00 Uhr
Ausstellung: 06.06.–04.07.2026

English:

Flugversuche (Attempts at Flight)
Jens Isensee, Maja Rohwetter, Marieke Verbiesen, Juliane Zelwies
Opening:
5th of June, 7 pm
Exhibition: 6th of June – 4th of July 2026

(English version below)

Fliegen heißt, sich in ein fremdes Element zu begeben – in einen Raum mit eigenen Gesetzen, Möglichkeiten und Grenzen. Der Flugversuch steht damit für ein grundlegendes menschliches Begehren: die Bedingungen des eigenen Körpers zu überschreiten, Distanz zur Welt zu gewinnen und eine andere Perspektive einzunehmen. Zwischen utopischem Impuls und materieller Realität wird er zur Metapher künstlerischer Praxis.
Die Ausstellung versteht „Flugversuch“ als künstlerische Strategie. Der Fokus verschiebt sich vom abgeschlossenen Werk hin zum Experiment.  Die Arbeiten setzen sich mit gegenwärtigen Bildräumen und deren Konstruktion auseinander – von Animation und interaktiven Systemen bis hin zu Augmented und Virtual Reality.
Damit verbinden sich konkrete künstlerische Fragen: Wie verändert sich Bildlichkeit in Zeiten hybrider Realitäten? Was bedeutet Räumlichkeit, wenn physische und virtuelle Dimensionen verschmelzen? Wie entstehen Bilder unter Bedingungen, die sich permanent verändern? Und wie lässt sich eine eigene Form entwickeln innerhalb technologischer und ästhetischer Vorgaben? Was ist digitale Materialität?
Mit Arbeiten von Jens Isensee, Maja Rohwetter, Marieke Verbiesen und Juliane Zelwies zeigt Flugversuche künstlerische Positionen, die Technologie nicht nur nutzen, sondern ihre Bedingungen reflektieren.
Der Flugversuch bleibt dabei, was er ist: ein offenes Experiment.

In der interaktiven Videoinstallation Virtual Materialism von Jens Isensee werden bis zu vier Teilnehmer*innen mit einer virtuellen Rekonstruktion ihrer selbst konfrontiert, die aus Objekten und Alltagsmaterialien besteht und zu interaktiven Ready-mades werden.
Die maskierten Figuren, die im virtuellen Spiegel erscheinen, rezitieren eine Audiocollage aus philosophischen Textfragmenten.  Das immersive Werk arbeitet mit Gamification: Die UserInnen können sich durch den virtuellen Raum bewegen. Um sich selbst zu erhalten, müssen sie Münzen sammeln, die aus dem Nichts erscheinen. Andernfalls setzt sich ein anderer Spieler durch und die verbleibenden Figuren beginnen sich aufzulösen. Dieser Kreislauf aus Gewinnen und Verlieren setzt sich endlos fort.
Die Installation entstand in Kooperation von Jens Isensee und Rico Possienka.
jensisensee.de

Maja Rohwetter bricht Malerei mittels digitaler XR-Raumkonstruktionen. Malerei wird dabei, wie beim Brechen von Licht in einem Prisma, zerlegt, transformiert und in neue Beziehungen gesetzt.  Dieser Vorgang ist als forschendes Experiment zu verstehen.
In ihrer Augmented-Reality-Arbeit “Simulation“ werden über ein iPad Fragmente und virtualisierte animierte Versatzstücke von Malerei, wie Malereireste, Sprühkanten, Farbaufträge und Linien, im Ausstellungsraum sichtbar und interagieren in Echtzeit mit den Betrachter*innen.
Es entstehen instabile, prozesshafte Wahrnehmungssituationen zwischen Realität und Virtualität, die den Wahrnehmungsprozess selbst und das Framing der visuellen Elemente auf der Suche nach dem Referenzsystem „Bild“ zum Thema machen.
Sie untersucht Malerei mithilfe von XR, und umgekehrt die sich kontinuierlich verschiebenden Möglichkeiten von XR-Echtzeit-Medien mit dem langsamen und handwerklichen bildgebenden Medium Malerei. „Simulation“ umfasst dabei die Facetten der Imitation, der Vortäuschung, und des Spiegelgefechts.
majarohwetter.de

Marieke Verbiesen entwickelt Animationen und interaktive Werke. In ihrer Arbeit widmet sie sich der physischen Übersetzung digitaler Räume und Phänomene, wobei sie häufig obsolete Technik mit neuen Technologien verschmilzt.
Unlikely Events zeigt Auszüge aus einer algorithmisch generierten Echtzeit-Videoinstallation, die aus vielschichtigen Animationen besteht und fungiert dabei zugleich als fortlaufender Prozess und als abgeschlossenes Werk. Marieke Verbiesen kombiniert Stockfootage für Greenscreen- Produktionen mit selbst gestalteten animierten Umgebungen. In den Filmsequenzen finden in Dauerschleife vertraute Gesten und fragmentierte Handlungen in zufällig zusammengesetzten fiktiven Welten statt.
Ursprünglich für Film und Werbung entwickelt, diente Greenscreen-Stockfootage dazu, Darsteller in beliebige digitale Kulissen zu versetzen. Im Laufe der Zeit hat sich daraus eine generische Bildsprache entwickelt, die aus standardisierten Ausdrücken, übertriebenen Reaktionen und wiederholbaren Verhaltensmustern besteht. Online wirkt dies oft wie ein „emotionales Karaoke“: Vorgefertigtes Lächeln, Keuchen oder Jubeln, das sich in fast jeden Kontext einbetten lässt.
Technisch basiert Unlikely Events auf einer in Max/Jitter entwickelten Software. Das System kombiniert visuelle Ebenen in Echtzeit, indem es animierte Vorder- und Hintergründe, Greenscreen-Material und Loop-Sequenzen aus einer stetig wachsenden Medienbibliothek zufällig auswählt und zusammensetzt. Diese Elemente werden kontinuierlich neu arrangiert, wodurch unerwartete Verbindungen zwischen Bewegung, Schauplatz und Erzählung entstehen. Jede Kombination existiert nur für einen kurzen Moment.
Inhaltlich bezieht sich die Arbeit auf den sowjetischen Schriftsteller Daniil Charms und die Oberiu-Gruppe, die Ende der 1920er Jahre in Leningrad aktiv war. Oft als „letzte sowjetische Avantgarde“ bezeichnet, musste die Gruppe ihre öffentlichen Aktivitäten 1930 unter zunehmendem politischen Druck einstellen. Anstatt Narrative gänzlich abzulehnen, setzen sie diese gegen sich selbst ein: Durch Wiederholung, Unterbrechung und das Durchbrechen von Kausalitäten erzeugen sie befremdliche Bedeutungsveränderungen. Ihre Texte verwandeln Alltagssituationen in absurde Ereignisketten, in denen sich Humor, Gewalt, Nonsens und Unbehagen mischen.
Unlikely Events begreift Irrationalität nicht als Chaos, sondern als Methode. Das Werk öffnet einen Raum für Humor, Spekulation und die instabile Logik unserer zeitgenössischen visuellen Kultur.
marieke.nu

In ihrer VR-Skizze Flocking (Teil des Projekts Becoming Bird) nutzt Juliane Zelwies Virtual Reality für ein Experiment über Raum und Bewegung. Die Betrachter*innen tauchen in einen Schwarm aus Vögeln ein, dessen Choreografie der Logik eines Vogelschwarms folgt: Jeder Vogel orientiert sich an seinen sieben nächsten Nachbarn.
Während das organische Gefüge über den Scan einer topografischen Karte gleitet, bricht Juliane Zelwies bewusst mit der Ästhetik fotorealistischer Game-Engines. Statt räumlicher Tiefe begegnen wir einem „Flachland“, das die Erde zur Scheibe macht und den Horizont zur unerreichbaren Grenze erklärt. Die Arbeit verweigert das digitale Spektakel. In der Monotonie des Flugs über die zweidimensionale Karte werden die Betrachter*innen zum bloßen statistischen Element einer Bewegung ohne Ziel und Ende.
juliane.de

English version:

To fly means to enter a foreign element—a space with its own laws, possibilities, and limits. The attempt at flight thus represents a fundamental human desire: to transcend the constraints of one’s own body, to gain distance from the world, and to adopt a different perspective. Situated between utopian impulse and material reality, it becomes a metaphor for artistic practice.
The exhibition conceives of the „attempt at flight“ as an artistic strategy. The focus shifts from the finished work toward the experiment. The works engage with contemporary visual spaces and their construction—ranging from animation and interactive systems to Augmented and Virtual Reality.
This raises concrete artistic questions: How does imagery change in an era of hybrid realities? What does spatiality mean when physical and virtual dimensions merge? How do images emerge under conditions that are permanently changing? And how can an independent form be developed within technological and aesthetic constraints? What is digital materiality?
Featuring works by Jens Isensee, Maja Rohwetter, Marieke Verbiesen, and Juliane Zelwies, Attempts at Flight presents artistic positions that do not merely utilize technology but reflect upon its very conditions.
The attempt at flight remains what it is: an open-ended experiment.

In the interactive video installation Virtual Materialism by Jens Isensee, up to four participants are confronted with a virtual reconstruction of themselves, composed of objects and everyday materials that become interactive ready-mades.
The masked figures appearing in the virtual mirror recite an audio collage of philosophical text fragments. The immersive work utilizes gamification: users can move through the virtual space. To sustain themselves, they must collect coins that appear out of nowhere. Otherwise, another player prevails and the remaining figures begin to disintegrate. This perpetual loop of winning and losing continues endlessly.
The installation was created in cooperation with Jens Isensee and Rico Possienka.
jensisensee.de

Maja Rohwetter breaks down painting by means of digital XR spatial constructions. In the process—much like light refracting through a prism—painting is decomposed, transformed, and placed into new relationships. This process is to be understood as an investigative experiment.
In her augmented reality work Simulation, an iPad is used to make fragments and virtualized, animated set pieces of painting—such as paint residues, spray edges, applications of color, and lines—visible within the exhibition space, where they interact with viewers in real time.
This results in unstable, processual situations of perception between reality and virtuality, which take as their subject the perceptual process itself and the framing of visual elements in search of the „image“ as a reference system.
She investigates painting through XR, and conversely, the continuously shifting possibilities of XR real-time media through the slow and artisanal imaging medium of painting. In this context, Simulation encompasses the facets of imitation, pretense, and shadow boxing.
majarohwetter.de

Marieke Verbiesen develops animations and interactive works. In her practice, she focuses on the physical translation of digital spaces and phenomena, often merging obsolete hardware with new technologies.
Unlikely Events shows excerpts from an algorithmically generated, real-time video installation consisting of multilayered animations, functioning simultaneously as an ongoing process and a finished work. Marieke Verbiesen combines green-screen stock footage with self-designed animated environments. In these film sequences, familiar gestures and fragmented actions play out in endless loops within randomly assembled fictional worlds.
Originally developed for film and advertising, green-screen stock footage was used to place performers into any digital backdrop. Over time, this has evolved into a generic visual language made up of standardized expressions, exaggerated reactions, and repeatable behavioral patterns. Online, this often comes across as „emotional karaoke“: pre-made smiles, gasps, or cheers that can be embedded into almost any context.
Technically, Unlikely Events is based on software developed in Max/Jitter. The system combines visual layers in real time by randomly selecting and compositing animated foregrounds and backgrounds, green-screen material, and loop sequences from a steadily growing media library. These elements are continuously rearranged, creating unexpected connections between movement, setting, and narrative. Each combination exists only for a brief moment.
Thematically, the work refers to the Soviet writer Daniil Kharms and the Oberiu Group, who were active in Leningrad in the late 1920s. Often described as the „last Soviet avant-garde“, the group was forced to cease its public activities in 1930 due to increasing political pressure. Instead of rejecting narratives entirely, they turned them against themselves: through repetition, interruption, and the breaking of causalities, they create strange shifts in meaning. Their texts transform everyday situations into absurd chains of events in which humor, violence, nonsense, and unease collide.
Unlikely Events conceives of irrationality not as chaos, but as a method. The work opens up a space for humor, speculation, and the unstable logic of our contemporary visual culture.
marieke.nu

In her VR sketch Flocking (part of the project Becoming Bird), Juliane Zelwies utilizes Virtual Reality for an experiment on space and movement. Viewers are immersed in a flock of birds whose choreography follows the logic of a swarm: each bird aligns itself with its seven nearest neighbors.
While this organic structure glides over a scan of a topographical map, Juliane Zelwies deliberately breaks with the aesthetics of photorealistic game engines. Instead of spatial depth, we encounter a „flatland“ that turns the earth into a disc and declares the horizon an unreachable boundary. The work refuses the digital spectacle. In the monotony of flight over the two-dimensional map, the viewer becomes a mere statistical element of a movement without destination or end.
juliane.de