Neues Jahresthema 2026: Schwindel

 

Jahrestthema:
Schwindel

Ab Januar 2026


English:

Theme of the Year:
Schwindel (Vertigo/Fake)

From January 2026

 

 

(English version below):

Schwindel entsteht im menschlichen Körper, wenn die äußere Bewegung nicht mit der inneren Bewegung übereinstimmt. Diese Widersprüchlichkeit ist womöglich auch der Grund, weshalb das Wort „Schwindel“ zum Synonym für die Lüge wurde – einer Widersprüchlichkeit zwischen Wahrheit und Realität.
Physisch kann vieles Schwindel auslösen – insbesondere Höhenangst, das Drehen eines Karussells, das Schaukeln oder die Bewegung eines Fahrzeugs. In der Philosophie hingegen wird vor allem der psychologische Schwindel thematisiert. Betrachtet man die Konzepte des Schwindels im 20. und 21. Jahrhundert, zeigt sich eine Umkehrung seiner Bedeutung und Konsequenzen.
Im 20. Jahrhundert symbolisierte Schwindel die Freiheit, die der Existenzialismus als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Existenz verkündete. Jean-Paul Sartre verstand den körperlichen Schwindel (La Nausée) als direkte Folge unserer existenziellen Freiheit. Die Erkenntnis dieser Freiheit erzeugt ein unangenehmes Gefühl des Schwindels – das Sartre jedoch positiv deutet.
In unserem gegenwärtigen Diskurs hingegen, angesichts zunehmender sozialer, politischer und ökologischer Belastungen, erleben wir immer häufiger eine Einschränkung unserer Freiheiten – was paradoxerweise ebenfalls ein wachsendes Gefühl des Schwindels hervorruft. Doch dieser existenzielle Schwindel des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich grundlegend von jenem, den Sartre beschrieb: Er ist nicht mehr Ausdruck grenzenloser Freiheit, sondern entsteht aus ihrem Verlust und der zunehmenden Auflösung von Realität.
In einer Welt, in der die Grenzen zwischen dem Reellen, Virtuellen und Augmentierten verschwimmen, erscheint der Begriff des Schwindels auch im Sinne von Täuschung in einem neuen Licht. Es ist daher kein Zufall, dass Virtual-Reality-Headsets, die uns in eine Parallelwelt eintauchen lassen, oft nicht nur einen inhaltlichen, sondern auch einen körperlichen Schwindel hervorrufen.
Schwindel ist die menschliche Reaktion auf eine Diskrepanz zur Umgebung. Doch gibt es auch positiven Schwindel? Etwa die Notlüge? Oder Schwindel vor Freude – als Zeichen von Lebendigkeit? Sollten wir uns doch wieder zu einem positiven existenziellen Schwindel zuwenden, obwohl er sich nicht sehr angenehm anfühlt?
In jedem Schwindelanfall steckt ein Teil der Freiheit: die Freiheit, eine Situation, die körperlichen Schwindel verursacht, zu verlassen oder hervorzurufen, oder die alltägliche Freiheit, zu lügen oder nicht zu lügen. So betrachtet ist Schwindel ein Symptom der Freiheit – unabhängig vom jeweiligen Kontext.

Text: Lucille Mona Ling

 

English version:

Dizziness arises in the human body when external motion does not align with internal motion. This contradiction is likely also the reason why the word Schwindel (“dizziness”) became a synonym for deceit—a contradiction between truth and reality.
Many things can trigger dizziness physically—especially fear of heights, the spinning of a carousel, rocking motions, or the movement of a vehicle. In philosophy, however, it is primarily psychological dizziness that is discussed. When looking at the concepts of dizziness in the 20th and 21st centuries, one finds a reversal of its meaning and consequences.
In the 20th century, dizziness symbolized the freedom that existentialism proclaimed as an essential component of human existence. Jean-Paul Sartre understood physical dizziness (La Nausée) as a direct consequence of our existential freedom. The realization of this freedom produces an unpleasant feeling of vertigo—one that Sartre, however, interprets positively.
In our present discourse, by contrast—given increasing social, political, and ecological pressures—we are experiencing ever more restrictions on our freedoms, which paradoxically also evoke a growing sense of dizziness. Yet this existential dizziness of the 21st century differs fundamentally from the one Sartre described: it is no longer an expression of boundless freedom but arises from its loss and from the increasing dissolution of reality.
In a world where the boundaries between the real, the virtual, and the augmented are dissolving, the notion of Schwindel in the sense of deception also appears in a new light. It is therefore no coincidence that virtual-reality headsets, which immerse us in a parallel world, often induce not only conceptual but also physical dizziness.
Dizziness is the human response to a discrepancy with one’s environment. But is there also positive dizziness? The harmless white lie, perhaps? Or dizziness from joy—as a sign of vitality? Should we once again turn toward a positive existential dizziness, even if it does not feel pleasant?

Every dizzy spell contains an element of freedom: the freedom to leave or deliberately enter a situation that causes physical dizziness, or the everyday freedom to lie or not to lie. Seen in this way, dizziness is a symptom of freedom—regardless of the context.

Text: Lucille Mona Ling (translated by AI)