The Unstable Horizon

© Gonzalo Reyes Araos, Ay la hoyri peni cahii li cielo, 2022, 475 x 320 cm (detail)

The Unstable Horizon
Gonzalo Reyes Araos & Charlotte Bastian
Eröffnung: . Freitag, 28. August, 19 Uhr
Ausstellung: 29.08. bis 03.10. 2026
Art Week: geöffnet Do bis So (10.-13.09.2026) 

English:

The Unstable Horizon
Charlotte Bastian & Gonzalo Reyes Araos
Opening:
Friday, August 28th, 7 pm
Exhibition: August 29th – October 3rd 2026
Art Week: open Thu to Sun (10–13 September 2026)

(English version below)

Historisch betrachtet war der Horizont jene Linie, die Orientierung gewährleistet: der Bezugspunkt, der es uns ermöglicht, uns im Raum zu verorten, Himmel von Erde zu unterscheiden. Doch in der Gegenwart – geprägt von der allgegenwärtigen Verbreitung von Bildschirmen, der Beschleunigung der Zeit und der tiefgreifenden Transformation unserer Umwelt – ist dieser Horizont grundlegend instabil geworden.
The Unstable Horizon vereint die künstlerischen Positionen von Gonzalo Reyes Araos und Charlotte Bastian in einem Dialog, der genau diesen Zustand untersucht: wie Technologie, Wahrnehmung und menschliche Eingriffe unsere Fähigkeit verändert haben, Raum zu verstehen und zu bewohnen.

Wahrnehmung als Medium
Bastian und Reyes Araos verbindet ein zentrales Anliegen: Sie wollen die Welt nicht abbilden, sondern die Wahrnehmungserfahrung der Betrachtenden transformieren. Ihre künstlerischen Strategien unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Bastian arbeitet mit Zeichnung, 3D-Modellen, Fotografie und der Stereoskopie – einer Technik, die die Tiefenwahrnehmung nach außen verlagert und sichtbar macht, wie wir Raum visuell erfahren. Indem sie Collagen und Animationen schafft, die das Tragen einer 3D-Brille oder zwischengeschaltete Linsen, wie beim Stereoskop und dem Lentikulardruck, erfordern, führt sie „kontrollierte Verschiebungen“ in den Sehvorgang ein. Die Betrachtenden erleben Landschaften zugleich als fremd und vertraut, anwesend und abwesend. Die 3D-Wirkung dient hier nicht dem Spektakel, sondern einer Befragung der Wahrnehmung selbst: Sie macht deutlich, dass räumliche Tiefe als objektive Wirklichkeit wahrgenommen wird, auch wenn sie nur das Ergebnis eines sensorischen und technologischen Apparates ist.
Reyes Araos hingegen arbeitet mit Code und Licht – den unsichtbaren Materialien digitaler Kommunikation. Sein ASCII-Vulkan verwandelt binäre Zeichen in einen heiligen Berg und verschmilzt überlieferte Sprache, katholisches Gebet und digitalen Code zu einem einzigen Bild. Wo Bastian eine visuelle Verschiebung erzeugt, bewirkt Reyes Araos einen ontologischen Zusammenbruch: Die Unterscheidung zwischen Darstellung und Existenz beginnt sich aufzulösen. Das Bild wird zur Anrufung, der Code zur spirituellen Wirkkraft.

Spuren des Anthropozäns
Beide Künstler untersuchen die Spuren menschlicher Eingriffe in unserer Gegenwart, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven.
Bastians Interesse gilt der Vergänglichkeit und den Spuren menschlichen Wirkens im Anthropozän. Ihre Arbeiten sind keine Dokumente, sondern visuelle Konstruktionen, die gezielt kognitive Dissonanzen erzeugen und mitunter eine irritierende Atmosphäre entfalten.
Aus mehreren, von ihr selbst fotografierten, Motiven entstehen Szenarien der Ungleichzeitigkeit und Unverortbarkeit, in denen Restnatur, Idylle, Ödnis und ruinöse Architektur gleichermaßen aufeinandertreffen. In den Raumbildmontagen im Stereoskop und beim Lentikulardruck wird diese Wirkung noch gesteigert: Der durch räumliche Betrachtung entstehende Tiefenraum vermittelt nahezu immersiv das Gefühl, sich in diesen fremd-vertrauten Landschaften zu befinden.
Der Animationsfilm Pilin thematisiert das Abschmelzen eines Gletschers. Bastian zeichnete die Animationen direkt im virtuellen dreidimensionalen Raum, sodass die Kamera die Zeichnungen frei umfahren kann. Durch die stereoskopische Wiedergabe auf einem 3D-Monitor und das Tragen einer 3D-Brille wird die räumliche Tiefe der Zeichnungen wahrnehmbar.
Reyes Araos hingegen untersucht, wie Technologie selbst unsere überlieferten Kosmologien durchdrungen hat. Der Paniri-Vulkan – ein heiliger Ort der Atacameño-Kultur – wird in Code übersetzt, im ASCII-Modus dargestellt und auf Stoff gedruckt. Nach dem Glauben der Atacameño fungieren Vulkane – die sogenannten Tata Mallkus – als Brücken zwischen Himmel und Erde.
Die ASCII-Methode (American Standard Code for Information Interchange) zerlegt das digitale Bild, indem jedes Pixel durch ein Textzeichen ersetzt wird und so ein visuelles Graustufenäquivalent entsteht. Die konkreten Zeichen, aus denen sich diese Komposition zusammensetzt, wurden durch den Satz „Ay la hoy’ri peni cachii li cielo“ bestimmt, der aus dem Kunza mit „Wie auf Erden, so im Himmel“ übersetzt werden kann.
Die Übersetzung eines Bildes in einen Code ist keine Absage an die Technologie, sondern eine paradoxe Verschmelzung: Das überlieferte Wort, das Wirklichkeit hervorbringt, besteht fort, muss sich nun jedoch in ASCII ausdrücken. Die Arbeit würdigt die schöpferische Kraft indigener Sprache und fragt zugleich danach, wie die Digitalisierung sie verändert, bewahrt und verschiebt.

Instabilität als konstitutive Bedingung
Der Titel der Ausstellung deutet darauf hin, dass Instabilität kein Problem ist, das es zu lösen gilt, sondern vielmehr ein Zustand, mit dem man sich kritisch auseinandersetzen muss. Weder Bastian noch Reyes Araos bieten Thesen oder Gewissheiten. Stattdessen halten ihre Arbeiten Spannungen aufrecht.
Darin liegt die grundlegende politische Geste von The Unstable Horizon: anzuerkennen, dass wir in einer Wirklichkeit leben, in der die traditionellen Bezugssysteme – die Horizontlinie, die Unterscheidung zwischen Natur und Artefakt, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit – ihre Tragfähigkeit verloren haben. Und dass gerade darin, fern jeder bloßen Katastrophenerzählung, ein Raum für neue Formen der Wahrnehmung, des Wissens und der Existenz entsteht.
Was beide Künstler:innen anbieten, ist keine Information, sondern eine verkörperte Erfahrung. Bastians 3D-Brillen, die ASCII-Zeichen von Reyes Araos, die monumentalen Maßstäbe und die spezifischen Materialien – all dies dient dazu, die Betrachtenden aus ihrer gewohnten Position zu lösen und sie erkennen zu lassen, dass sie im Akt des Betrachtens sehen, wahrnehmen und zugleich selbst verändert werden.
In einer Zeit, in der sich Horizonte vervielfachen – digitale, kosmologische und geopolitische –, laden diese künstlerischen Praktiken dazu ein, innezuhalten und zu fragen: Wie orientieren wir uns, wenn der Kompass selbst instabil geworden ist? Welche neuen Formen des Wissens und des Seins entstehen aus dieser Desorientierung?

English version:

Historically, the horizon has been the line that guarantees orientation: the point of reference that enabled us to locate ourselves in space, distinguish the sky from the earth. Yet in the contemporary era—marked by the proliferation of screens, temporal acceleration, and the radical transformation of our environment—this horizon has become fundamentally unstable.
The Unstable Horizon brings together the practices of Charlotte Bastian and Gonzalo Reyes Araos in a dialogue exploring precisely this condition: how technology, perception, and human interventions have redefined our capacities to understand and inhabit space.

Perception as Medium
Bastian and Reyes Araos share a central concern: not to represent the world, but to transform the viewer’s perceptual experience. Their strategies, however, diverge significantly.
Bastian works with drawing, 3D models, photography, and stereoscopy—a technique that externalizes depth perception and reveals how we visually experience space. By creating collages and animations that require the use of 3D glasses or intermediary optical devices such as stereoscopes and lenticular prints, she introduces “controlled shifts” into the act of seeing. Viewers experience landscapes as simultaneously strange and familiar, present and absent. Here, the stereoscopic effect is not employed for spectacle but as an inquiry into perception itself. It demonstrates that spatial depth is experienced as objective reality, even though it is merely the product of a sensory and technological apparatus.
Reyes Araos, by contrast, works with code and light—the invisible materials of digital communication. His ASCII volcano transforms binary characters into a sacred mountain, merging ancestral language, Catholic prayer, and digital code into a single image. Where Bastian produces a visual displacement, Reyes Araos effects an ontological collapse: the distinction between representation and existence begins to dissolve. The image becomes an invocation, and code becomes a vehicle of spiritual agency.

Traces of the Anthropocene
Both artists investigate the traces of human intervention in the contemporary world, albeit from different perspectives.
Bastian’s work centers on transience and the marks of human activity in the Anthropocene. Her works are not documents but visual constructions that deliberately generate cognitive dissonance and often evoke an unsettling atmosphere.
Drawing on multiple photographs she has taken herself, she constructs scenarios characterized by temporal disjunction and spatial indeterminacy, where remnants of nature, idyllic landscapes, desolation, and ruined architecture coexist. In her stereoscopic spatial image montages and lenticular prints, this effect is further intensified: the depth created through stereoscopic viewing produces an almost immersive sensation of inhabiting these simultaneously alien and familiar landscapes.
The animated film Pilin addresses the melting of a glacier. Bastian created the animation by drawing directly in the virtual three-dimensional space, allowing the camera to move freely around the drawings. Presented stereoscopically on a 3D monitor and viewed with 3D glasses, the drawings acquire a tangible spatial presence.
Reyes Araos, conversely, examines how technology has colonized even our ancestral cosmologies. The Paniri volcano—a sacred site in Atacameño culture—is translated into code, rendered in ASCII, and printed on fabric. According to Atacameño belief, volcanoes, known as Tata Mallkus, function as bridges between heaven and earth.
The ASCII method (American Standard Code for Information Interchange) deconstructs the digital image by replacing each pixel with a text character, thereby creating a grayscale visual equivalent. The specific characters composing this work are determined by the phrase “Ay la hoy’ri peni cachii li cielo,” which translates from Kunza as “So on earth as in heaven.”
Translating an image into code is not a rejection of technology but rather a paradoxical fusion: the ancestral word that creates reality persists, yet now must express itself in ASCII. The work honors the generative capacity of indigenous language while interrogating how digitalization transforms it, preserves it, displaces it.

Instability as a Constitutive Condition
The exhibition’s title suggests that instability is not a problem to be solved, but rather a condition to be inhabited critically. Neither Bastian nor Reyes Araos offer synthesis or certainties. Instead, their works maintain tensions.
This is the fundamental political gesture of The Unstable Horizon: to recognize that we live in a reality in which traditional frames of reference—the horizon line, the distinction between nature and artifice, between presence and absence—have become unsustainable. And that, far from being catastrophic, this opens a space for new forms of perception, knowledge, and existence.
What both artists offer is not information but embodied experience. Bastian’s 3D glasses, Reyes Araos’s ASCII characters, the monumental scales, the specific materials—everything functions to destabilize the viewer, forcing recognition that one is seeing, perceiving, being transformed in the act of contemplation.
In an era when horizons multiply (digital, cosmological, geopolitical), these practices invite us to pause and ask: How do we orient ourselves when the compass itself has become unstable? What new forms of knowing and being emerge from this disorientation?

Gonzalo Reyes Araos: gonzalo-ra.net

Charlotte Bastian: charlotte-bastian.de